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04.09.2017

Die Tracht: Eine Lebenseinstellung

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Wer eine hat, darf sich glücklich schätzen! Sie kostet so viel, wie sonst vielleicht ein zweiwöchiger Luxusurlaub. Und ihr Wert mindert sich mit den Jahren keinesfalls, er steigt höchstens, und die Nachkommen dürfen sich darüber freuen, so ein Erbe zu erhalten.

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Eine Tracht, die’s in sich hat!

Emma Pigneter vom Gästehaus Pigneter in Völs ist eine Frau, die sich glücklich schätzen darf. Sie hat ihre Tracht von ihrer Mutter geerbt und diese wiederum ebenfalls von ihrer Mutter. Emma trägt ihre Tracht mit Stolz. Zu jedem Feiertag holt sie Kleid und Zubehör aus dem Schrank. Es handelt sich dabei nicht um irgendeine Tracht, sondern um eines der ältesten Exemplare im Schlerngebiet. „Wenn man so etwas Kostbares besitzt, muss man auch darauf Acht geben“, weiß Emma. Ja stimmt, die Farben und Muster sind noch wunderbar erhalten, nach über 100 Jahren. „Hier, siehst du den schwarzen Plisseerock? Die Falten nähe ich jeden Herbst nach der letzten Prozession von Hand zusammen, damit ich sie im Frühjahr vor der ersten wieder auftrennen kann und der Rock seine Form nicht verliert.“

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Eine Tracht landet hoffentlich immer in den richtigen Händen, in Händen, die Acht geben, pflegen, schätzen und bewahren. Die Reinigung sei nämlich auch so eine Sache, erklärt mir Emma, „am Besten ist, man achtet kleinlichst darauf, dass die Tracht gar nicht erst schmutzig wird.“ Die Bluse könne man waschen, aber auf die „Tatzlen“ (aus Garn gestrickte Ärmel), die Socken, den „Schurz“ (Schürze) und den Rock solle man schon sehr gut aufpassen.

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Ganz oder gar nicht

Es genügt nicht, sich eine Tracht zu kaufen und anzuziehen, lerne ich von Emma. Eine Tracht ist erst komplett, wenn die Trägerin auch mit ihr umzugehen weiß. Dann verschmilzt sie sozusagen mit der Tracht. Dazu müsse man aber einige Regeln beachten. Die Spitzenapplikationen am Ende der Bluse müssen gebügelt und gestärkt werden, damit sie ideal fallen. Ansonsten, meint Emma, „sieht das nach gar nichts aus.“ Ebenso sei die Frisur der Trägerin ausschlaggebend: „Hat sie lange Haare, müssen diese auf jeden Fall hochgesteckt werden, am besten gezopft. Bei mittellangen Haaren kann hingegen ein „Haarsatz“ (Haarteil) zur Hilfe genommen werden, der am Hinterkopf befestigt wird und so einen Dutt ermöglicht. Kurze Haare müssen natürlich nicht frisiert werden.“ Ein weiteres, wichtiges Detail sei die „Wurst“: Am Trachtrücken verläuft entlang des Schurzbandes ein längliches Schaumgummiteil, das verhindert, dass der Rock nur platt herunterhängt. Es lässt ihn schön fallen. Emma verrät mit einem Zwinkern, dass besonders junge Mädchen dieses Teil oft gerne weglassen, ja, sogar aus der Naht heraustrennen – wohl, weil sie dann schlanker aussehen. Das kann Emma nicht verstehen, es gehöre nämlich zur Tracht dazu.

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Die Wahl ist keine Qual - sondern sternenklar

Wie dieses Wissen um die Tracht und das Brauchtum drumherum wohl von Generation zu Generation weitergegeben wird? Emma erklärt: „In fast jedem Dorf gibt es eine Frau, die die jungen Mädchen und Frauen anzieht, bevor sie zur Prozession gehen. Ebenso die Marketenderinnen, die zu jeder Musikkapelle gehören. Jeder kann diese Frau zur richtigen Tracht-Trageweise befragen und sie gibt entsprechend Auskunft.“ Diese Frau berät auch gerne, wenn es darum geht, die RICHTIGE Tracht auszuwählen. Je nach Anlass und auch Alter der Trägerin, gibt es nämlich verschiedene Varianten. Emma besitzt eine „Frauentracht mit Turmkappe“; weiters gibt es aber auch die „Trauertracht“, die „Frauentracht mit seidener Schürze“, die „Frauentracht mit grünem Hut“, die „festliche Tüchltracht“, den „Stutzer“, die „Mädchentracht“, die „Erstkommunionstracht“, die „erneuerte Schnürmiedertracht“, die „historische Völser Schnürmiedertrach“ und die „Jungfrauentracht“.

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Als wir am Ende noch einige Fotos schießen bin ich erstaunt, wie toll sich Emma in Szene setzt. Es liegt wohl zum Teil auch an der Tracht selbst. Eine Frau in Tracht steht anders, läuft anders und blickt anders. Anmutig, voller Stolz, voller Freude. Wunderschön.