Es ist stockfinster. Der Wind jagt durch die Weinrebenreihen. Bis auf ihn und die kleine Eule, die dort auf dem alten Baum ihren Ruf von sich gibt, höre ich nichts. Gut so! Dann kann ich es mir auf meinem Spähposten, der „Lueg“, ein kleines bisschen bequem machen und für ein Weilchen die Augen schließen.
Lange jedoch nicht. Bereits vor dem ersten Vogelgesang wandern meine Füße in den kurzen Stiefeln wieder durch den weiten Weinberg, der, solange ich ihn bewache, mein Revier ist! Wer das nicht weiß, der wird es an den versperrten Wegen sehen, an denen ich meine Markierung, die „Pratze“ (Pranke), gut sichtbar aufgestellt habe. Wer es dennoch wagt in meine „Riegl“ (Rebenreihen) zu kommen, um sich heimlich Trauben in die Taschen zu stecken und sich von meinen Schreien unbeeindruckt zeigt, dem hilft meine Waffe, die „Runggaun“ (Hellebarde), schnell wieder den Ausgang zu finden. Solange ich hier Saltner bin, wird kein „Weimerle“ (Traubenkern) in den falschen Mund gelangen! Zuvor jage ich ihn höchstpersönlich bis ins Gemeindehaus!
Das habe ich bei der Saltnerwahl in der Gemeinde auch geschworen und den Eid geleistet, bei Tag und Nacht immer wachsam zu sein und das Gut des Bauern niemals unbeaufsichtigt zu lassen. Immerhin bedeuten diese Weinreben das gesamte Jahreseinkommen der Bauernfamilie! Und nun trage ich eine große Verantwortung. Mit Stolz. Auch wenn die Monate im Weinberg vom „Lorenzi“, am 10. August, bis zur Weinlese entbehrungsreich, hart und mit wenig Schlaf verbunden sind, ist es doch für jeden jungen, ehrlichen Mann eine der begehrtesten Aufgaben.
Täglich streife ich mir die Hose glatt, ziehe mein Hemd an und binde mir den Schurz um, den ich vom Bauern persönlich geschenkt bekommen habe. Schnell noch meinen dreikantigen, mit Hahnenfedern geschmückten Hut aufgesetzt, die Taschenuhr eingepackt und die „Runggaun“ vom Boden meiner Saltnerhütte aufgehoben. Schon kann der neue Tag beginnen.
Mittlerweile kenn ich jeden
Pergel, jede Ecke des Weinbergs, und weiß genau wo die erste reife Traube zu finden ist. Ebenso kenne ich die kleinen Schlupfwege der Nagetiere, welche ab und an versuchen sich an den saftigen Trauben zu laben. Auch ihnen gebe ich keine Chance und vertreibe sie aus meinem Gebiet. Mit den Vögeln habe ich es schwerer, schlussendlich ziehen aber doch immer sie den Kürzeren.
Ab und zu ertönt aus einer Ecke des Weinbergs ein Pfiff, den ich auf keinen Fall überhören darf! Dann weiß ich, dass der Riegler, der Beauftragte der Gemeinde hier ist, um zu kontrollieren, ob ich wohl auf meinem Posten bin und meiner Arbeit nachgehe. Durch Rufen oder Pfeifen antworte ich zurück und gebe zu verstehen, dass alles in Ordnung ist.
Das Wimmen (Weinlese) und das anschließende Keltern läuten das Ende meiner Arbeit ein. Bezahlt werde ich direkt vom Bauern und wenn wir uns gut verstehen, werde ich mit etwas Glück zum „Kosten“ des neuen
Kalterer Weins eingeladen. Na dann, zum Wohl!
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